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Der Einzug Jesu in Jerusalem

Der Einzug Jesu in Jerusalem (Palmsonntag) vom jüdisch-messianischen Hintergrund beleuchtet
[Jurek Schulz]


Pessach – das Passahfest (Karfreitag und Ostern)

Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend. Verschiedene Speisen erinnern daran, wie der Engel des Herrn vor dem Auszug aus Ägypten die Erstgeburt der Israeliten verschonte: Ein Lammknochen erinnert an das geschlachtete Lamm, die Matzen (ungesäuertes Brot) an den schnellen Auszug, die Bitterkräuter an das harte Leben in Ägypten.

Während des Passahmahls setzte Jesus das Abendmahl und den Neuen Bund ein. In seinem Tod ist das Passahfest erfüllt, weil er als das geopferte Passahlamm unsere Sünden trug (Jes. 53; Joh. 1:29.35.36).

Nach dem Sederabend beginnt das Fest der ungesäuerten Brote (3. Mose 23:6-8). Während sieben Tagen darf nichts gegessen werden, was Sauerteig enthält, da dieser als unrein gilt und ein Zeichen der Sünde ist. Durch die Sündlosigkeit des Opfers Jesu wurde dieses Fest erfüllt (Hebr. 9:11–10:18).

Das Fest der Erstlingsfrüchte: Während des Festes der ungesäuerten Brote werden am Tag nach dem Schabbat die ersten Früchte der Gersten- oder Getreideernte Gott dargebracht.

Es ist das erste von drei Erntedankfesten im Jahr. Dieses Fest ist ein Typus der Auferstehung Jesu als „Erstling“ aus den Toten (1. Kor. 15:20-23).


Der Einzug Jesu nach Jerusalem während des Passahfestes

Als ich vor Jahren einmal durch das Jaffator in die Altstadt Jerusalems lief, stieß ich auf eine mir bis dahin ungewöhnliche Prozession.

Eine Menge christlicher Pilger in Kutten und Talaren, mit einem großen Kreuz an der Brust, marschierten auf der Via Dolorosa (Leidensweg Jesu), um zur Grabeskirche zu gelangen. Sie alle trugen Palmzweige in den Händen und sangen dabei.

Ein andermal erlebte ich in der deutschen Erlöserkirche Betende am Palmsonntag, ebenfalls mit Palmzweigen in den Händen, die sie während des Gebets ähnlich schüttelten, wie die jüdischen Gläubigen ihre Palmzweige (Lulav) während des Laubhüttenfestes.


Tochter Zion freue dich

Wie immer am letzten Sonntag vor Ostern gedenken Christen weltweit an den Einzug Jesu in Jerusalem. Weltweit singen viele Christen das bei uns als Adventslied bekannte „Tochter Zion“. Dieses Lied wurde vom evangelischen Theologen Friedrich Heinrich Ranke (1798-1876) nach der Melodie von G. F. Händel, (1685-1759) gedichtet. F. Ranke orientierte sich an der messianischen Prophetie von Sach. 9:9 und den Zeugnissen der Evangelien über den Einzug Jesu auf einem Esel. Ursprünglich hatte das Lied vier Strophen, doch die dritte ist leider in den meisten Gesangbüchern weggefallen:

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedefürst
Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ewges Reich, Hosianna in der Höh!
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!
(Sieh! er kömmt demüthiglich
Reitet auf dem Eselein,
Tochter Zion freue dich!
Hol ihn jubelnd zu dir ein.)[1]
Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!
Ewig steht dein Friedensthron, du des ewgen Vaters Kind.
Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!

Dieses Lied hatte Louise Reichardt in Hamburg 1826 in ihre Liedersammlung für Palmsonntag aufgenommen und veröffentlicht. Sehr schnell gelangte es zu Weltruhm.

Der Autor Ranke hatte zutiefst die Bedeutung des Einzugs Jesu nach Jerusalem verinnerlicht. Der Friedensfürst, der demütig reitend auf einem Esel kommt, aus dem Geschlecht Davids ist vom Vater im Himmel zur Freude Zions, damit wir ihn begrüßen. Das sind tatsächlich die Kernaussagen der Evangelien. Lasst sie uns näher anschauen.


Betphage, Jerusalems Grenze

Wir lesen, dass Jesus von Betphage (Haus der Feigen) nach Jerusalem aufbrach.

Dieses Dorf lag am Osthang des Ölbergs ca. 10 km vom Tempelplatz in Jerusalem entfernt. (Math. 21:1; Mk. 11:1). Betphage wurde als entlegenster Stadtteil Jerusalems betrachtet.[2] Da es die Zeit des nahenden Passahfestes war, musste sich jeder reinigen, d. h. er musste ein Tauchbad nehmen, um rituell rein zu sein (Joh. 11:55). Niemand durfte den Tempelplatz betreten, der nicht in vorgeschriebener Weise rituell rein war. In der Regel sechs Tage vor Festbeginn pilgerten die Menschen nach Jerusalem, um in einer Mikwe unterzutauchen. Unzählige Tauchbäder haben Archäologen im Radius von ca.10 km um den Tempelberg identifizieren können.

Von Betphage ist der Herr Jesus dann in das auf der Pilgerroute liegende Bethanien (Haus des Elends) sechs Tage vor Passahbeginn gekommen (Joh. 12:1).

Dieses Dorf, ebenso an der Ostseite des Ölbergs gelegen, lag nur noch ca. 3 km bzw. eine halbe Stunde Fußweg von Jerusalem entfernt (Joh. 11:18).

Der Überlieferung nach war Jerusalem in „10 Heiligkeitsbezirke“ eingeteilt und der Grad der „Heiligkeit“ stieg, je näher jemand an den Tempelberg kam. Desto größer musste die Reinheit des Menschen sein und die der Plätze sichergestellt werden. Dazu gehörte das mehrmals tägliche Kehren der Straßen während des Festes und unter Umständen die erneute Reinigung des Körpers, damit er „heilig“ genug für den Tempelbesuch war.

Nach dem Bad wurden unmittelbar vor dem Fest in der Regel nur noch die Füße gewaschen, wie das wiederum bei Jesus in Joh. 13:10 zu sehen ist.

„Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden“.

Die intensivste Zeit aller Vorbereitungen für das Passahfest dauerte in der Regel sechs Tage, gemäß der Tradition der Väter, die besagte, dass Mose sechs Tage auf dem Berg Gottes war, bevor am siebten Tag Gott zu ihm sprach (2. Mo. 24:16). Dies war die Vorbereitungszeit für die Begegnung mit Gott.


Normales und Ungewöhnliches

In diesem „Heiligkeitsradius Jerusalems“ gab es sogenannte Esel-Mietstationen. Die strenger religiös Orientierten mieteten sich einen Esel, um beim Aufstieg nach Jerusalem sich nicht erneut die Füße zu beschmutzen. So war es nicht ungewöhnlich, dass Jesus ebenso nach einem Esel verlangte (Math. 21:2-3). Doch ungewöhnlich war die Prophetie Jesu, er sagte seinen Jüngern: „Ihr werdet auch ein Jungtier (Füllen) finden, auf dem noch nie jemand gesessen hatte, das bringt zu mir“ (Mk. 11:2-3).

Jesus setzte sich auf das Füllen und erfüllte damit die messianische Prophezeiung aus Sach. 9:9. [3]

Alle frührabbinischen Autoritäten haben diese Stelle grundsätzlich auf den Messias gedeutet. [4]


Die Gefahr der Verunreinigung durch ein Jungtier

Bei einem kräftigen Tier berührten die Füße des Reitenden nicht den Boden. Somit war er vor erneuter Verunreinigung bewahrt. [5] Ganz anders bei einem noch nicht ausgewachsenen Füllen. Die Gefahr, rituell unrein zu werden und ein Verbot des Betretens des Tempelbergs zu bekommen, war sehr groß.


Die Kleider auf der Straße und die Freude auf den Lippen

Spontan legte die jubelnde Masse Kleider auf den Rücken des Eselfüllens und auf die Straße, wo das Tier entlanglief. Zwei Punkte gilt es zu beachten.

  1. Es war natürlich eine große Ehrerbietung, welche die Menschen Jesus entgegen brachten. Schon einmal wurde in ähnlicher Weise ein König gehuldigt, gelobt und gepriesen. Nachdem Jehu zum König gesalbt wurde, nahmen die Jubelnden ihre Kleider und legten sie vor ihm hin und bliesen die Posaunen und riefen aus: „Jehu ist König geworden“. (2. Kön. 9:12-13).
  2. Da der Herr auf einem Füllen ritt, konnte die erneute Verunreinigung eher möglich sein, da seine Füße den Boden berührten. Aufgrund dieser Gefahr und ebenso, dass Staub auf dem Rücken des Tieres liegen könnte, würde durch das Ausbreiten der Kleider auf dem Boden und dem Tier es sichergestellt werden, dass die Reinigungsvorschriften nicht verletzt wurden und der Körper rituell rein blieb.[6]


Die Proklamation

Es ist interessant, wie die „Tradition der Väter“, die Reinheitsordnungen, Beachtung fanden. Ebenso ist es bewegend, wie die Evangelien eine enorme Ehrerbietung dem Herrn darbrachten, doch der Höhepunkt im Ganzen ist ihre Proklamation über den in Jerusalem einreitenden Jesus: Sie riefen seine Messianität und damit seine Göttlichkeit aus: Hosianna dem Sohn Davids. Gesegnet sei der da kommt im Namen des Herrn (Math. 21:9).

Das ist ein Zitat aus Ps. 118:25. Hosianna heißt: Ach Ewiger, hilf doch, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn. Dieser Ausruf ist bis heute ein Bestandteil des „Hallel“, der Lobpreisliturgie von Ps. 113-118) zum Passahfest und wurde selbstverständlich auch von den Kindern gesungen (Math. 21:15). Die Tradition besagt, dass schon Mose und die Kinder Israels dieses Hallel zur Ehre Gottes während des Durchzugs durch das Rote Meer sangen.[7]

Doch diesmal wird deutlich, die jubelnden Menschen hielten Jesus tatsächlich für den Messias, daher riefen sie aus: „Das ist Jesus, DER Prophet aus Nazareth in Galiläa“ (Math. 21:11). Ganz Jerusalem war aufgeregt und sie fragten, wer ist denn dieser Mann? Mit dieser Antwort wurden sie plötzlich zurückgeführt auf die angekündigte messianische Prophetie aus 5. Mose 18:18, wo es verheißen ist: „Einen Propheten wie du (Mose) wird der Herr dir erwecken…“

Die Evangelien schildern uns ganz bewegt die große Freude der Menschen von Jerusalem über den Einzug Jesu zum Tempelplatz. „Diesen Tag hat der Herr gemacht“.


Die Palmzweige und die Prophetie

In einer Randnotiz sehen wir, dass die Jubelnden neben den Laubzweigen auch Palmzweige in den Händen hielten (Joh 12:13). Schon immer waren Palmzweige Symbole des Sieges.[8] Vielleicht ist das auch die Ursache, dass der Palmsonntag zu einem festen Bestandteil im kirchlichen Leben geworden ist. Durch die Auferstehung hat Jesus den Sieg über den Tod gebracht. Doch diese Bedeutung kam erst später.

Was der Apostel Johannes und die Evangelien uns berichten ist etwas absolut Ungewöhnliches. Nur am Laubhüttenfest wurden Palmzweige und andere Zweige zusammengebunden und geschwungen (3. Mose 23:40). Dieser Feststrauß hatte insgesamt fünf verschiedene Bedeutungen für die frührabbinische Tradition, doch niemals wurde er am Passahfest angefertigt.

Unter anderem war er ein Sinnbild für Gott. Rabbi Aqiba (gest. 135) sagte, nur Gott ist der Gerechte! Denn es heißt in Ps. 92:13: „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum“. Nach ihm ist das Schwingen des Feststraußes gleichbedeutend wie – wenn ich Gott empfange, denn dadurch erfüllt sich für ihn das Gebot von Ps. 68: „Singet dem Herrn, lobsinget seinem Namen und macht Bahn dem der durch die Wüste einherfährt; er heißt Herr. Freuet euch vor ihm.“ Das Schwingen des Feststraußes bedeutete: Gott den Weg bereiten, eben Bahn machen, dass er kommt.

Hatten etwa die Lobpreisenden auf den Straßen Jerusalems daran gedacht, als sie Jesus als Messias proklamierten? Eines können wir festhalten: Sie müssen die Hoffnung gehabt haben, dass sich nun die Herrschaft des Messias entfaltet, so wie es am Laubhüttenfest (Sukkot) prophetisch angedeutet wurde.

Dort wird uns gesagt, dass die Erlösten mit dem Messias das Laubhüttenfest halten. Das heißt, dann haben sie auch die Palmzweige in den Händen (Sach. 14:16); Daher die Vorwegnahme der Palmzweige am Passahfest.

Dieses Zeichen des Sieges wird dann interessanterweise auch vor dem Thron Gottes in der künftigen Welt sichtbar werden. Die Erlösten des Herrn stehen vor seinem Thron und halten Palmzweige in ihren Händen (Offb. 7:9).

Halten wir die Hoffnung fest, wie sie auch damals die Menschen hatten, sie wird sich erfüllen!

Fußnoten:

[1] Ursprünglich hatte der Text vier Strophen. Die dritte Strophe fehlt allerdings in Gesangbüchern. Ulrich Parent: Artikel Tochter Zion: Text; in: Gerhard Hahn, Jürgen Henkys, Hans-Christian Drömann (Hrsg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 5; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2002; S. 18.
[2] Strack-Billerbeck Bd 1, S. 839
[3] Math.21,4; Mk. 11,7; Lk 19,30; Joh. 12, 14-15).
[4] Strack-Billerbeck Bd 1, S. 842-44
[5] mOhal XVIII,6 in S. Schmid-Grether, JCFV Schweiz, Bd 1,
[6] Jesus der Jude, S. Schmid-Grether, JCFV Schweiz, Bd 1, S. 22-31
[7] Strack-Billerbeck Bd 1, S. 845
[8] Strack-Billerbeck Bd 2, S. 780-793.